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Journalismus-Verdrossenheit: »Entzauberung eines Berufs - Was die Deutschen vom Journalismus erwarten und wie sie enttäuscht werden«
Von Claus Fritzsche | 31.Mai 2009
Nur 35 Prozent der deutschen Bürger vertrauen Journalisten. Dies ist das Ergebnis einer brisanten Umfrage, welche Prof. Dr. Wolfgang Donsbach (Institut für Kommunikationswissenschaft der TU Dresden), Mathias Rentsch, Anna-Maria Schielicke und Sandra Dege in ihrem soeben publizierten Buch »Entzauberung eines Berufs. Was die Deutschen vom Journalismus erwarten und wie sie enttäuscht werden« analysieren und erläutern. Ihr Fazit: Viele Bürger nehmen Journalisten als oberflächlich, schlecht informiert, pietätlos und zu mächtig war.
Als Herausgeber eines Weblogs, welches sich tiefgründig und fundiert mit dem weltanschaulich umstrittenen und emotional aufgeladenen Thema »Homöopathie, Komplementärmedizin und Wissenschaft« auseinandersetzt (oder dies zumindest anstrebt), meide ich mediale und populärwissenschaftliche Darstellungen medizinwissenschaftlicher Themen schon seit längerer Zeit. Was Journalistinnen und Journalisten in Medien wie Zeit, Welt, Stern, Financial Times Deutschland usw. über medizinwissenschaftliche Themen »zusammenschreiben«, das bekommt von mir regelmäßig die Note ungenügend. Diese Schulnote wird in Deutschland laut Wikipedia vergeben, »wenn die Leistung den Anforderungen nicht entspricht und selbst die Grundkenntnisse so lückenhaft sind, dass die Mängel in absehbarer Zeit nicht behoben werden können«.
Da werden wissenschaftliche Publikationen rezensiert, welche von den jeweiligen Journalisten allem Anschein nach weder gelesen noch verstanden wurden. Redaktionen verbreiten die mit missionarischem Eifer vorgebrachten Thesen so genannter Visible Scientists, ohne diese kritisch zu hinterfragen und ohne sich die Mühe zu machen, die verschiedenen Fraktionen der Scientific Community zu Wort kommen zu lassen. Ob Vogel- oder Schweinegrippe, Journalisten inszenieren in geradezu naiver Weise Gefahren, die Quote und Leser bringen, jedoch den Charakter kommerziell motivierter Desinformation haben. In der großen Mehrzahl der Beiträge wird als Nachricht und vermeintliche Wahrheit präsentiert, was sich für die jeweiligen Autoren richtig anfühlt. Das Problem: Gut recherchierte Beiträge kosten Geld, erwirtschaften jedoch oftmals kein Geld. Die Redaktionen haben darüber hinaus häufig keinen echten Bezug zu den jeweiligen Themen. Sie verbreiten »News« als inflationäre und blutleere Discount-Schüttware. Manchmal haben einzelne Journalisten auch Freude daran, Macht auszuüben und ihre Perspektive - zu Lasten einer differenzierten Sicht - zur Geltung zu bringen.
Prof. Dr. Wolfgang Donsbach schreibt in einer aktuellen Pressemeldung: »Ergebnisse aus mehreren Ländern lassen erkennen, dass der Journalismus bei den Bürgern an Vertrauen verliert. Dieses Vertrauen ist aber in einer Demokratie notwendig, damit die verschiedenen Teile einer Gesellschaft trotz vielfältiger eigener Interessen und jeweils subjektiver Realitätssicht miteinander kommunizieren können. Kern der Studie war daher, wie es um das gesellschaftliche Ansehen des Berufs tatsächlich bestellt ist und welche Wahrnehmung der Bürger das Vertrauen bestimmen. In einer deutschlandweiten telefonischen Repräsentativbefragung haben die Autoren dazu 1.054 Deutsche ab 18 Jahren befragt.« Danach (wert-) schätzen 90 Prozent der Deutschen den Arztberuf, 82 Prozent Professoren und 80 Prozent Lehrer. Nur zwei von drei Deutschen geben hingegen an, dass sie Journalisten »eher schätzen«. Spektakulär werden die Antworten, sobald nach Vertrauen gefragt wird. Nur 35 Prozent sagen, dass sie Journalisten vertrauen. In der Altersgruppe 18 bis 24 Jahre genießen Journalisten das geringste Vertrauen.
In der Pressemeldung von Prof. Donsbach heißt es weiter: »Die Deutschen üben scharfe Kritik an den handelnden Journalisten. Diese sind ihnen viel rücksichtsloser, intoleranter gegenüber den Meinungen anderer und unsozialer, als man sie gerne hätte. Gleichzeitig setzen sie zu stark nur ihre eigenen Bedürfnisse durch und haben viel zu viel Macht und Einfluss in der Gesellschaft. Die Nachrichteninhalte erfüllen die Erwartungen der Bürger zwar etwas besser. Dennoch sieht sich das Publikum erheblich unterversorgt: Die Bürger kritisieren, dass ihnen der Nachrichtenjournalismus zu wenig Hntergründe, Fakten und konkurrierende Meinungen anbietet. Gleichzeitig klagen sie über eine zu starke subjektive Färbung und Emotionalisierung.«
Die Unzufriedenheit der Deutschen hat nach Darstellung der Autoren Wolfgang Donsbach, Mathias Rentsch, Anna-Maria Schielicke und Sandra Degen fünf zentrale Ursachen:
1. Überschreiten ethischer Grenzen: 80 Prozent aller Befragten bewerten ein angeblich im Interesse des Publikums durchgeführtes journalistisches Nachstellen als inakzeptabel. Deutschlands Bürger wünschen sich eine distanzierte und einfühlsame Berichterstattung frei von voyeuristischer Darstellung menschlichen Leids.
2. Mächtiger als Politiker: Journalisten sind für die große Mehrheit der Bürger mächtiger als Politiker … und leider keine ehrlichen Makler. Rund 66 Prozent sind der Ansicht, dass Journalisten häufig Stellungnahmen von Experten unterdrücken, wenn diese anderer Meinung sind als sie selbst.
3. Korrumption durch Wettbewerbsdruck: Rund 2/3 aller Befragten sind davon überzeugt, dass bezahlte Recherchen häufig vorkommen und dass die Interessen von Anzeigenkunden in der redaktionellen Berichterstattung berücksichtigt werden. Gerade jüngere Menschen stufen dies nicht als verwerflich ein.
4. Zu viel Boulevard: Nur ca. 25 Prozent der Bürger interessieren sich hauptsächlich für Soft News und Boulevard-Journalismus. Die übergroße Mehrheit der Deutschen spricht sich hingegen für eine sachlichere Nachrichtenberichterstattung aus, die sich stärker an Fakten orientiert. Speziell bei ihrem Kernpublikum (»anspruchsvolleren Bürgern«) verlieren Nachrichtenmedien zunehmend an Glaubwürdigkeit und Ansehen.
5. Verlust an Identität: Die Bevölkerung differenziert immer weniger zwischen Journalismus und PR. Redakteure von Kundenzeitschriften und Pressesprecher werden von vielen als Journalisten wahrgenommen. 50 Prozent der 18- bis 24-Jährigen stufen Blogging als Journalismus ein.
Das Buch »Entzauberung eines Berufs« wagt auch den Schritt von der Problemanalyse zur Vorstellung eines Lösungsansatzes. Die Autoren sehen die Notwendigkeit einer zunehmenden Professionalisierung des Journalismus »und einer Neudefinition seiner gesellschaftlichen Rolle als moderne ›Wissensprofession‹.«
Ironie des Schicksals: Grundlage dieses Blogbeitrags war eine schnelle und oberflächliche Lektüre frei verfügbarer Internetquellen. Ich habe das Buch gefühlt rezensiert, jedoch nicht gelesen …
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Exkurs »Medienkritik«:
BILDblog ist ein Watch Blog, in dem ein Kreis von Medienjournalisten unter der medienrechtlichen Verantwortung von Stefan Niggemeier laut Selbstdarstellung auf Fehler in der Berichterstattung, ungenügend recherchierte Artikel, Schleichwerbung und Verstöße gegen den Pressekodex aufmerksam macht oder dies zumindest versucht. Da Stefan Niggemeier und Freunde oftmals weder die Kompetenz noch die Ressourcen haben, komplexe Themen fundiert zu recherchieren, praktiziert das BILDblog zu einem gewissen Grad selbst das, was man bei Dritten kritisiert: schlampige Recherche, Fehler und reißerische Berichterstattung. Begleitet wird dies von einem Publikum, welches vermutlich nicht wirklich an den Details der einzelnen Themen sowie Qualitätsjournalismus und mehr am »In die Pfanne hauen« von Medien interessiert ist.
Hier ein konkretes Beispiel:
H.Blog: ScienceBlogs, BILDblog, Henryk M. Broder und die Fehler der Anderen
Fazit: Medien und Journalisten zu kritisieren ist sehr einfach. Es selbst besser zu machen, kann im Einzelfall eine echte Herausforderung sein.
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Links zum Thema:
Homepage von Prof. Dr. Wolfgang Donsbach
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12th.Juni 2009 um 11:55
[...] zur medialen Berichterstattung über (medizin-) wissenschaftliche Themen geäußert (siehe auch: Journalismus-Verdrossenheit: »Entzauberung eines Berufs«), da muss ich meine Meinung wieder revidieren. MONITOR zeigte gestern in der ARD, dass hoch [...]
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11th.Juli 2010 um 14:08
[...] Prof. Dr. Wolfgang Donsbach von der TU Dresden gemeinsam mit weiteren Autoren im lesenswerten Buch „Entzauberung eines Berufs. Was die Deutschen vom Journalismus erwarten und wie sie enttäuscht we… analysiert und erläutert. Schaut man sich die Berichterstattung von SPIEGEL ONLINE speziell zu [...]